Montag, Dezember 11, 2006

Weihnachtsgeschichte zum zweiten Advent Teil 2

Es schein ein Mann in einem roten Mantel zu sein. Die Kapuze hatte er ins Gesicht gezogen und ein weißer Bart verdeckte den Rest. Er sah Jonas durch dunkle Augen völlig verwundert an. Jonas blieb regungslos stehen. War das tatsächlich der Weihnachtsmann? Schließlich fragte der Fremde:“ Du kannst mich sehen?“
„Aber klar doch. Du stehst doch direkt vor mir“, antwortete Jonas.
„Niemand hat mich je gesehen.“
„Wieso denn? Du bist doch der Weihnachtsmann, jeder kennt dich.“
Der Mann schien zu lächeln. Dann war er plötzlich verschwunden. Jonas kam fast jeden Tag auf den Dachboden um nachzusehen, ob der Weihnachtsmann noch da war. Erst am vierten Advent sah er ihn wieder. Der Weihnachtsmann schaute traurig aus dem Fenster, aber als er Jonas sah, freute er sich.
„Es ist schön, dass du hier bist. Ich hatte sehr lange Zeit keine Gesellschaft mehr“, meinte der Weihnachtsmann. Jonas fasste Vertrauen und unterhielt sich mit ihm. Stunden vergingen. Jonas erzählte von seinen Eltern, der Scheidung und dem ganzen Rest. Der Weihnachtsmann hörte geduldig zu. Dann meinte Jonas:“ Das schönste Weihnachtsgeschenk wäre für mich, wenn Papa für immer bei uns bliebe und sie sich nicht trennen würden.“
„Das wünscht du dir?“ fragte der Weihnachtsmann und Jonas nickte heftig.
Am nächsten Tag traf Jonas den Weihnachtsmann wieder auf den Dachboden und er fragte ihn, was er denn dort überhaupt mache.
„Ich warte“, antwortete er.
„Auf Weihnachten? Ich dachte, du bist am Nordpol und machst die Geschenke für die Kinder mit deinen Elfen.“
„Nein. Ich war im Kaufhaus beschäftigt. Aber das ist schon lange her. Jetzt warte ich auf das Licht.“
„Was denn für ein Licht?“
„Eines, dass mich nach Hause bringt.“
Das verstand Jonas nicht, aber er merkte, dass der Weihnachtsmann sehr traurig war. Er versuchte ihn aufzumuntern und erzählten ihm Geschichten. Beide waren glücklich über die Gesellschaft des anderen. Schließlich wurde es spät und immer kälter. Jonas musste nach Hause. Aber er wusste, dass er seinen Freund wiedersehen würde, denn schließlich war am nächsten Abend Weihnachten.
Seine Mutter hatte etwas Leckeres gekocht und den Tisch hübsch gedeckt. Ein Weihnachtsbaum stand in der Ecke und leuchtete. Sie hatten ihn am Morgen gekauft und geschmückt. Jonas vermisste seinen Vater.
„Warte lieber nicht auf ihn“, meinte seine Mutter. Jonas blickte trotzdem immer wieder sehnsüchtig aus dem Fenster. Dann war es Zeit für die Bescherung. Jonas ging in sein Zimmer und wartete darauf, dass seine Mutter ihm ein Zeichen gab. Dann war der Weihnachtsmann gekommen und hatte Geschenke zurückgelassen. Aber warum sollte er ihn dieses Jahr nicht sehen? Er kannte ihn doch. Seine Mutter glaubte das nicht und alles verlief wie immer. Jonas stellte sich vor, wie sein Freund gerade durch die ganze Welt eilte und den Kindern Geschenke brachte. Das war bestimmt aufregend. Wie gerne, wäre er mitgekommen. Aber er konnte seine Mutter nicht alleine lassen. Plötzlich hörte er die Haustür und eine vertraute Stimme. Sein Vater! Er war tatsächlich nach Hause gekommen. Jonas stürmte hinaus in den Flur und umarmte seinen Vater. Der strahlte vor Freude und gab seinem Sohn und seiner Frau einen herzlichen Kuss. Jonas` Mutter fragte erstaunt:“ Was machst du hier?“
„Es ist doch Weihnachten oder? Das verbringt man mit seiner Familie!“ rief der Vater.
„Aber was ist mit dem Geschäft?“
„Ich habe gekündigt. Walter hat mir hier in der Stadt einen neuen Job besorgt. Einen Bürojob. Ich werde jetzt immer zu Hause sein können.“
Die Freude war groß. Dieses Ereignis wurde noch die ganze Nacht hindurch gefeiert. Dabei hätte man fast die Geschenke vergessen. Doch das war Jonas auch egal. Die Hauptsache war, dass sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen war. Er wollte sich unbedingt am nächsten Tag beim Weihnachtsmann bedanken, aber der war nie wieder auf dem Dachboden zu sehen.
Einige Jahre später erfuhr Jonas, dass sich vor vierzig Jahren ein Mann auf diesem Dachboden erhängt hatte. Ein unscheinbarer, stiller Mann ohne Familie. Ein Mann, der niemanden je groß aufgefallen war. Deswegen wusste man auch nicht, dass er jedes Jahr im Kaufhaus den Weihnachtsmann spielte. Heilig Abend dann hatte er sich erhängt. Niemand hatte ihn gekannt, nur Jonas kannte ihn.

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